Tagebuch des Walter-Egon

Anmerkung des Websiteadministrators: Folgend findet ihr das vollständig abgedruckte Tagebuch des Walter-Egon. Es könnte sein, dass es ihm unangenehm wäre, wenn er wüsste, dass seine Tagebucheintragungen hier veröffentlicht werden. Immerhin stammen sie aus einer Zeit, wo er noch ein bisschen – naiv(?) war. Aber aus meiner Sicht wird erst dadurch klar, was geschah, bevor aus Walter-Egon wALTEREGOn wurde. Und deshalb hab ich mir herausgenommen, das hier zu tun. Bitte verratet mich nicht!

17.2.

Liebes Tagebuch, weißt, ich habe jetzt beschlossen, dass ich dich schreibe. Weil mir geht’s so gut und ich würd das gern mit wem teilen.

Stell dir vor, heute bin ich befördert worden! Naja, eigentlich ist es ja schon Zeit geworden, nachdem ich nun schon 25 Jahre hier arbeite im Ministerium. Weißt du, da war so ein Unternehmensberater da und unsere Abteilung ist reorganisiert worden. Tja, und da man offenbar meine wahren Talente erkannt hat, bin ich jetzt in die Personalabteilung befördert worden.

Naja, das ist jetzt vielleicht etwas verkürzt. Also ich bin in die Personalabteilung gewechselt und auch noch befördert worden. Ich bin jetzt Direktor der „One-Man-Task-Force for Improved Pencil Sharpener Efficiency“.

So ganz versteh ich das ganze Englisch ja nicht, aber der Unternehmensberater hat mir gesagt, dass es dabei um die Ausformung von Spitzenpositionen geht oder so. Das freut mich natürlich, dass mein langjähriger Einsatz nun endlich gewürdigt wird.

18.3.

Heute war ein toller Tag. Ich habe heute mein eigenes Büro bezogen! Naja, es war noch ein bisschen kahl am Anfang. Aber ich habe dann gleich ein paar Bilder aufgehängt. Jetzt bin ich umgeben vom Strahlen der Dolomitenkette im Abendrot. Und auch der röhrende 12-Ender im Morgennebel gibt mir Kraft bei meinem anstrengenden Tagwerk.

Ja, ja, so ein eigenes Zimmer hat schon was Repräsentatives – mein eigenes kleines Reich, völlig ungestört. –

Na ja, meistens zumindest. Weil, was jetzt nicht ganz optimal ist, die Leute müssen immer durch mein Zimmer durchgehen, wenn sie aufs Klo wollen. Das stört schon ein bißchen. –

Aber wie mein Chef immer sagt: Wenn man Karriere machen will, muss man auch Opfer in Kauf nehmen.

20.3.

Hurra, heute wurde mein neuer Schreibtisch geliefert! Und der ist schon gediegen! Nicht irgendeine Faserplatte mit Holzimitationsoberfläche – nein, Buche Vollholz, geölt und gewachst. Der Unternehmensberater hat mir auch erklärt, dass das nicht irgendein Schreibtisch ist, sondern ein „Flexible portable desktop“. Also ein Schreibtisch, den man bei Bedarf ganz einfach nehmen und woanders wieder aufstellen kann. Durch derart flexible Arbeitsmittel wird die Produktivität der Mitarbeiter um rund 2-3% gesteigert!

Und für mich ist das wirklich genau, was ich brauche. Denn wenn jemand aus dem Klo kommt, dann nehm ich den Portable Desktop kurz weg vom Waschbecken, dann können sich die Kollegen die Hände waschen, und wenn sie fertig sind, schwupps, Desktop wieder drauf und schon kann‘s weitergehen. Also du siehst, ich bin top modern eingerichtet, habe eine Top-Position, es ist wirklich alles super!

Es ist nur – es ist nur so komisch – manchmal – also wirklich nur ganz selten – aber so ab und zu einmal – wenn ich so im Bett lieg – vor dem Einschlafen – und wenn alles so ganz still ist um mich herum – und dunkel – dann hör ich so ganz tief drinnen so einen Blues – so ganz leise. Keine Ahnung, was das ist …

Naja, egal – normalerweise ist ja eh alles ganz super!

Ich habe auch sehr nette Kolleginnen und Kollegen hier im Ministerium. Und von allen die Netteste ist die Frau Renate. Wir kennen uns jetzt ja schon so viele Jahre! Und obwohl sie es wirklich nicht leicht hat in ihrem Leben ist sie ein echter Sonnenschein! Wenn sie in der Früh herein kommt, dann lacht sie mich immer so an und sagt: „Guten Morgen, Herr Walter!“ Und ich sag: „Guten Morgen, Frau Renate!“ Und wenn sie dann zu ihren Arbeitsutensilien will – also Kübel und Gummihandschuhe und Putzmittel und Wischmob – dann greift sie immer so zwischen meinen Beinen durch unters Waschbecken und holt sich die Sachen.

Ja, ja, ist schon eine sehr attraktive Frau, die Frau Renate …

10.4.

Weißt du, liebes Tagebuch, ich bin immer sehr gut bei Appetit. Gott sein Dank haben wir ja eine gute Kantine im Ministerium. Da gibt es eh immer Schnitzel. Und vorher eine Leberknödelsuppe. Und nachher einen Apfelstrudel. Ich nehm eh kein Schlagobers dazu, du weißt schon, wegen der Linie... In der letzten Zeit hab ich wirklich a bissi zugelegt. Aber was soll ich machen – es schmeckt halt so gut.

Es ist wirklich blöd, obwohl ich eh gefrühstückt habe, um 9h bin ich schon wieder hungrig. Und damit ich dann aushalte bis zum Mittagessen um 11h15, packt mir meine Mama immer eine Jause ein. Und da legt sie Wert auf Qualität! So ein 10-er Packerl Semmeln zum Aktionspreis, so was tät sie nie kaufen! Nein, nein, es muss schon ein Kaisersemmerl sein! Und dazu eine exklusive Wurst aus der Feinkost, nämlich eine EXTRAwurst – wie der Name schon sagt: Einfach was Besonderes!

Ja, ja, ist schon immer wieder köstlich.

Obwohl (und das hab ich jetzt noch niemand außer dir erzählt) manchmal denk ich mir, wie das so wäre, wenn in dem Semmerl vielleicht auch noch ein Gurkerl drinnen wär … oder eine Mayonnaise … Ob das vielleicht noch besser schmecken täte? –

Aber nein, nein, das kann ich der Mama nicht antun! Dann würd sie mich vielleicht fragen, ob mir das Semmerl bisher nicht geschmeckt hat. Und dann würd sie sagen, dass niemand ihre Arbeit würdigt, obwohl sie sich so sehr anstrengt. Nein, nein, das kann ich der Mama nicht antun. Und so wie sie ist, schmeckt mein Extrawurstsemmerl eh total gut.

23.4.

Liebes Tagebuch, heute ist etwas ganz Sonderbares passiert. Ich komm wie jeden Tag um 7h30 in mein Büro, steht da ein Vogelkäfig. Weißt, so ein schöner alter geschwungener Vogelkäfig. Und drin sitzt ein Vogerl, ganz ein kleines, schwaches mit zerrupften Federn. Ich hab gleich die Kollegen gefragt, wer den Vogelkäfig hingestellt hat. Aber keiner hat was gesehen. Und versperrt ist der Käfig auch. Ich versteh‘ das nicht.

Was soll ich jetzt machen mit dem Vogerl? Es schaut mich immer so an, mit seinen großen traurigen Augen. Und wenn ich dann auch hinschau, dann macht es ein leises „Piep“. Es macht mich so ganz unruhig …

7.5.

Jetzt ist das Vogerl schon seit 2 Wochen bei mir im Büro. Und weiterhin keine Hinweise, wie es in mein Zimmer gelangt ist. Ich weiß echt nicht, was das soll. Natürlich füttere ich es täglich und es hat sich auch schon ganz gut erholt. Die Federn sind wieder schön und bunt. Und Muskeln hat es auch angesetzt. Es ist jetzt schon bald doppelt so groß wie am Anfang. Deshalb hab ich es „Arnold“ getauft. Na, freut mich, dass ihm meine Pflege so gut tut.

Das Blöde ist nur, dass diese Pflege ganz schön viel Zeit kostet: Futter kaufen, Wasser wechseln, Käfig putzen (ist besonders schwierig durch die Gitterstäbe durch, weil ich ja keinen Schlüssel habe). Jetzt hab ich schon ganz ein schlechtes Gewissen, weil auf meinem Schreibtisch stapeln sich schon die Anträge auf Zuteilung von Bleistiftspitzern. Aber was soll ich tun, ich kann Arnold ja nicht verkommen lassen.

21.5.

Nun sind schon 4 Wochen vergangen, seit Arnold in mein Leben getreten ist. Und es geht ihm sehr gut bei mir. Man könnte schon fast sagen, ZU gut. Das Problem ist nämlich, dass er weiter gewachsen ist. Er ist jetzt schon so groß, dass er den Käfig völlig ausfüllt. Kann sich gar nicht mehr bewegen, der Arme! Ich muss was tun, er braucht einen größeren Käfig. Aber ich habe ja keinen Schlüssel, um ihn rauszuholen. Was mach ich nur?

23.5.

Also was heute passiert ist – unglaublich. Wir (also Arnold und ich) sitzen in unserem Büro – plötzlich geht die Tür auf und dieser Mann kommt herein. Ich mein, es fängt ja schon einmal damit an, dass er keine Wartenummer gehabt hat. Normalerweise kriegt ja jeder Antragssteller eine Wartenummer und wenn seine Nummer angezeigt wird, darf er eintreten. Und da kommt doch der einfach so ohne Wartenummer in mein Zimmer. Er war ja nicht schlecht angezogen, eh mit Anzug. Aber der war irgendwie in bisschen zerschlissen. Und da war dann noch dieser Geruch – irgendwie brenzlig und gleichzeitig so, wie meine Kleider gerochen haben, als meine Mama damals von der Kur zurückgekommen ist, von dieser Therme mit dem schwefelhaltigen Wasser, und dann ihre und meine Sachen in derselben Waschmaschine gewaschen hat. Naja, jedenfalls frag ich ihn, was er will und er sagt: „Ich bin ein Gesandter!“ Ein Gesandter! Und dann hat er irgendwas gefaselt von einem Auftrag, den er hat und den er aber nicht ausführen kann. Und dass er total hungrig ist und kein Geld hat, um sich was zu kaufen - und ob ich ihm meine Extrawurstsemmel geben könnt.

Meine Extrawurstsemmel! - Ich hab ihn groß angeschaut und gefragt, wie er sich das vorstellt. Und da sagt er, dass es echt total nett wär, wenn ich ihm meine Extrawurstsemmel geben würd, und außerdem hätt ich dann einen Wunsch frei.

Da hab ich dann doch überlegt … ich hab ja keine Wünsche, mir geht es ja super … und dann ist mir der Arnold eingefallen und wie er da eingezwängt ist in seinem Käfig und ich hab gesagt, wir könnten schon einen Deal machen: Er bekommt meine Extrawurstsemmel und dafür lässt er den Arnold frei.

Ich bilde mir ein, dass kurz ein Anflug von einem Grinsen um seine Mundwinkel gezuckt ist, bevor er mir seine Hand hingehalten hat. Und ich hab eingeschlagen, und dann ...

Anmerkung des Websiteadministrators: Hier hören die Tagebucheintragungen leider auf. Tatsache ist jedenfalls, dass Walter-Egon am Tag nach diesem Tagebucheintrag nicht im Ministerium erschienen ist. Genau genommen ist er seitdem nie mehr im Ministerium erschienen. Die Kollegen berichten, dass, als sie an diesem Tag in Walter-Egons Büro kamen, der Vogelkäfig leer war - von Walter-Egon und seinem Vogel fehle seither jede Spur.